Hintergrundreportage über die Milch Teil 2:
Mit dem Shuttle zur Molkerei

Etliche landwirtschaftliche Produkte, wie zum Beispiel Kartoffeln oder Getreide, können ohne Qualitätsverlust problemlos für längere Zeit eingelagert werden. Bei der Milch ist das anders. Angefangen beim Melken auf dem Bauernhof ist ein gut organisierter und verlässlicher Ablauf gefragt.

Die mit zirka 36 bis 37 °C „kuhwarme“ Milch kommt sofort nach dem Melken in spezielle Tanks und wird auf vier Grad abgekühlt. In diesen Tanks bleibt sie bis zum Abtransport. Früher holten sich die Molkereien die Milch jeden Tag, doch inzwischen wurde fast überall auf zwei- oder sogar dreitägige Abholung umgestellt.

Ein Tanksammelwagen, kurz TSW, kommt auf den Bauernhof und pumpt die Milch direkt aus den Kühltanks. Wenn man davon ausgeht, dass eine Kuh pro Tag etwa 16 bis 20 Liter Milch gibt, kommen dabei schon mal ein paar Tausend Liter zusammen. (Wobei an dieser Stelle korrekterweise bemerkt werden muss, dass man in der Milchwirtschaft mit Kilogramm und Tonnen rechnet.) Manchmal fahren die Tanksammelwagen dann nur bis zu einem größeren Shuttle-Fahrzeug, das den Weitertransport übernimmt. Die durchschnittliche Entfernung zu den Molkereien beträgt zwar etwa 50 Kilometer, aber es kommt vor, dass der Weg auch deutlich weiter ist.

Ein Zeugnis für die Wege der Milchwirtschaft früherer Zeiten ist in vielen ländlichen Gemeinden übrigens noch immer die zentral gelegene „Milchsammelstelle“, in Süddeutschland „Milchhäusle“ genannt. Nur ganz selten sieht man heute noch, wie große Milchkannen meist auf flachen Handwagen durch das Dorf zu so einer Sammelstelle gefahren werden. Die kleinen Bauten, gut erkennbar an der LKW-Rampe, waren jahrzehntelang ein beliebter Treffpunkt und Umschlagplatz für Nachrichten; ganz ohne Twitter und SMS.

Wie das Statistische Bundesamt im Mai 2012 mitteilte gibt es in Deutschland knapp 85.000 „Haltungen“ von Milchvieh. Das bedeutet einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr, jedoch die Zahl der Tiere hat mit fast 4,2 Millionen sogar zugenommen, inzwischen liegt der Durchschnittsbestand bei 50 Tieren. Die Milchviehbetriebe erzeugen in Deutschland rund 30 Millionen Tonnen Milch. Und wer hätte bei den vielen wohlklingenden Namen ausländischer Sorten gedacht, dass Deutschland größter Käseproduzent in Europa ist? 

Angesichts solcher Zahlen sollte man vor allem eines nicht vergessen: Milcherzeugung ist nicht irgendein Industriezweig. Wie oft in der Landwirtschaft, sind solche Ergebnisse nur möglich, weil hier alle mit anpacken, oft genug auf einen längeren Urlaub verzichten und einfach nur für den Hof da sind.

Hintergrundreportage über die Milch Teil 1: Zwischen Leistungsdruck und Wohlergehen

Hintergrundreportage über die Milch Teil 3: Von Trinkmilch bis Mode

Hintergrundreportage über die Milch Teil 4: Kennen Sie noch Maroditis?

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