Bericht einer Lehmbauteilnehmerin – Der Kastanienhof

Nach gemütlicher Bahnfahrt bis Ankalm, fahre ich mit dem Bus bis Kagendorf – der Alltagsstress ist schon fast abgelegt, es ist schön und ruhig hier, der Kastanienhof ist nicht mehr weit.

Kühe stehen auf der Weide auf dem 5-Minuten-Fußweg. Das Ziel für dieses verlängerte Wochenende ist der Kastanienhof, ein Bauernhaus mit Dreiseitenhof, wo man Lehmbaukurse für Anfänger und Fortgeschrittene gibt. Seit über 10 Jahren bietet die Organisatorin und Handwerkerin (Baufacharbeiterin) Beatrice Ortlepp in diesem Haus und Hof und Umgebung Lehmbaukurse an. Nach und nach treffen die Teilnehmer des Schnupperkurses ein – aus allen Himmelsrichtungen, sogar aus anderen Ländern, mit und ohne Vorerfahrungen. Das Haus selbst macht schon Lust auf die Auseinandersetzung mit dem Baustoff „Lehm“, den die Menschen seit Jahrtausenden zum Bauen nutzen – und der sich dennoch heute als moderner Baustoff vor anderen nicht zu verstecken braucht.

Lehmbauwand mit Ornamenten
Lehmbauwand mit Ornamenten

Die gelernte Maurerin, Pädagogin und Lehm-Handwerkerin hat auf ca 100 Quadratmetern die verschiedensten Lehmtechniken angewandt: Man sieht die verschiedenen Techniken mit lehmverputzten Strohballen, mit Lehmstroh-umwundenen Holzstaken oder Lehm-Mauerwerk restauriert, Unterputze und Feinputze und viele Ornamente und Gestaltungstechniken. Im Erdgeschoss zieht eine organisch wirkende Wand Blicke auf sich: Mit Lehm gefüllte Stoffschläuche, unter anderem alte Hosenbeine und Strümpfe, wurden hier geschwungen aufgeschichtet. Im Flur hat der Lehmputz eine besonders feine Struktur. Der Trick: Alte Baumwolltücher wurden komplett in eine dünne Lehmmischung getaucht und als Lehmtapeten aufgezogen.

 

Der Workshop beginnt mit Materialkunde und ersten Versuchen mit dem Lehm:

erste Versuche mit dem Lehm
erste Versuche mit dem Lehm

Der Lehm muss zunächst mit Wasser angerührt werden und soll über Nacht stehen bleiben, mauken/wuken. Danach ist er noch geschmeidiger und besser zu verarbeiten. Der Lehm für das Seminar stammt von einer Baugrube in der Nähe. Mit ein wenig Erfahrung können wir die Qualität des Lehms feststellen. Einer hat Lehm von seiner Baustelle dabei, der gleich mit getestet wird.  Geeigneter Lehm ist wurzelfrei, geruchsfrei und wird entsprechend seinen Eigenschaften und der geplanten Anwendung mit Sand und anderen Zuschlagstoffen vermengt.
Für Feinputze hat Beatrice einige Säcke von guten Anbietern zum Ausprobieren vor Ort. Damit haben einige am Ende auch für sich ein Bild hergestellt, was sie dann mitgenommen haben.
Dann geht es los. Die zahlreichen Lehm-Baustellen im Haus erlauben ein Ausprobieren der vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten. Eine unebene Lehm-Stroh-Wand der Vorgänger-Teilnehmer können wir ausgleichen. Wir patschen den Lehm mit reichlich Stroh vermischt auf die Fläche, später wird die Wand abgezogen und gleichmäßig verputzt.
Obwohl Beatrice meint, dass Lehm nicht nur ein Kinderbaustoff sei, wird ein bisschen Kind in jedem wach, dem hier die Lehmspritzer um die Ohren fliegen.
Wenn Pause ist, spülen alle ihre lehmigen Hände ab. Der Baustoff schadet der Haut überhaupt nicht und geht auch gut aus Haaren und Kleidern heraus. Die Vorteile des Lehms werden uns hautnah bewusst: Lehm ist atmungsaktiv, nimmt Feuchtigkeit aus der Luft auf und gibt sie wieder ab, sorgt für gutes Raumklima, mit ihm kann man gut reparieren und er lässt sich komplett recyceln.

Gestaltungstechnik eines Ornaments
Gestaltungstechnik eines Ornaments

Je nach Zuschlagstoff kann Lehm auch ganz schön was aushalten. So wird außen zum Schluss mit einer Lehm-Kuhdung-Mischung verputzt. Im Badezimmer spritzt es ab und an – über der Badewanne wird der Lehm wasserfest durch Leinölfirnis (jedoch verdünnt aufgetragen), das ihm außerdem einen dunkleren Farbton gibt. Lehm ist bunt. In mehreren Eimern rühren wir Lehmfarbe an. Ganz schön gelb, eher rot, das geht z.B. mit Eisenoxiden – die angenehmen Farbtöne finden allesamt Anklang. Der Schnupperworkshop ist ein Selbstversorger-Seminar, aber selbst in den Pausen können wir es nicht lassen, über Lehm und alte und neue Handwerker-Tricks zu plaudern: Ein Architekt erzählt von einigen historischen Sanierungsprojekten, ein professioneller Sanierer vom Umgang mit feuchten Lehmwänden, ein Häuslebauer von seinen aktuellen Plänen mit dem neu entdeckten Baustoff. Ein Architekt und ein Planer von ihren Fehlern und die der anderen. Sie planen und gestalten ihre Entwürfe mit dem neu gewonnen Wissen.

Die Tiere auf dem Hof verschönern jeden Anblick.

Es wuselt da nur so herum, an Hühnern, Gänsen, Enten, Laufenten, Schafen und kleinen Zwergziegen, die sich gerne streicheln lassen.
Dank wunderbaren Spätsommerwetters klingen die Tage gemütlich im Garten aus, am Lagerfeuer, beim Grillen, mal Video schauend, mit Tee aus eigenem Anbau. Manche liehen sich eines der 3 Gästefahrräder und fahren zum nahen See. Manche fuhren mal an den Bodden oder hoch in die Kaiserbäder. Am Ende nehmen alle viele neue Eindrücke und Anregungen mit. Der Wunderbaustoff macht Lust auf mehr und die kompetente und freundliche Anleitung von Beatrice Ortlepp ebenfalls. Lehm braucht etwas mehr Ruhe und Geduld als manch anderer Baustoff – auch davon lässt sich im Kastanienhof etwas finden.

Die Teilnehmerin

 

Der Kastanienhof
Beatrice Ortlepp
Kagendorf 15
17398 Neu Kosenow
Telefon: 0178-1987624
lehmbaukurse@gmx.de
www.der-kastanienhof.de

Kommentar Hinzufügen