Hintergrundreportage über die Milch Teil 3: Von Trinkmilch bis Mode

Hübsche Frau mit Handtasche auf dem LaufstegZugegeben, Mode war als „Hingucker“ in der Überschrift gedacht. Es stimmt aber trotzdem: Vor einigen Monaten berichteten die Medien über die Biologin und Designerin Anke Domaske. Sie entwirft Kleidung für deren Herstellung sie Fasern verwendet, die aus Milch hergestellt werden, die nicht für den Verzehr bestimmt war.

Die Idee ist nicht vollkommen neu, doch ihr Verfahren ist besonders umweltverträglich und das Material beeindruckt durch viele positive Eigenschaften. Das Unternehmen betont, dass es zudem völlig ohne Chemikalien hergestellt werde. Wenn wir von Milchprodukten sprechen, denken wir trotz aller Mode eher an Käse, Sahne, Butter, Quark oder eben an ein schönes Glas Trinkmilch.

Milch und ihre Weiterbearbeitung

Die „ursprünglichste“ Form der Milch haben wir bei Rohmilch und Vorzugsmilch. Sie ist lediglich filtriert und ihre Vermarktung unterliegt sehr strengen Auflagen. Die Bearbeitung von Milch lässt sich grob in zwei Bereiche unterteilen: Die Wärmebehandlung und die mechanische. Durch Zentrifugieren wird Fett von der Milch getrennt und dann je nach gewünschtem Fettgehalt wohldosiert wieder dazugegeben. Beim Homogenisieren presst man das Fett der Milch durch feine Düsen und erreicht so eine feine, gleichmäßige Verteilung. Damit bildet sich auch kein Rahmpfropf mehr, der manchen noch eine vertraute Kindheitserinnerung ist.

Geht es um die Haltbarmachung durch Erhitzen, unterscheidet man zwischen Pasteurisieren, Hocherhitzen, Ultrahocherhitzen und Sterilisieren. Die wichtigste Form der Wärmebehandlung ist die Pasteurisierung, benannt nach dem französischen Chemiker Louis Pasteur (1822-1895). Das kurzzeitige Erwärmen auf 72–73 °C tötet Keime ab und die Milch wird länger haltbar. Homogenisieren und Pasteurisieren waren über viele Jahrzehnte die Standardbehandlung für Trinkmilch. Ultrahocherhitzen wird dagegen für H-Milch, Sterilisieren bei Kondensmilch angewendet. Der typische Geschmack der H-Milch entsteht übrigens, weil der Milchzucker teilweise karamellisiert.

Verlängertes Leben und seine Folgen

Milchkanne, Tasse und industrielle VerpackungSeit etwa 15 Jahren ist ESL-Milch auf dem Vormarsch. ESL, extended shelf life, bedeutet wörtlich übersetzt „verlängertes Regal-Leben“ und verspricht eine längere Haltbarkeit von etwa zwei bis drei Wochen bei kühler Lagerung. Diese Milch wird, je nach Verfahren, auf 125 bis 135 °C erhitzt. Hinzu kommen unterschiedliche Methoden der Filtration.

Einigen ist das einfach zu viel Bearbeitung der Milch, aber das neue Produkt kommt bei Verbrauchern und natürlich dem Handel gut an. Ob es sich dabei tatsächlich um „Frischmilch“ handelt, kann dabei kontrovers diskutiert und wohl letztlich nicht geklärt werden. Die Unternehmen haben sich jedoch zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung bereit erklärt. ESL-Milch wird als „länger haltbar“ gekennzeichnet, die bisherige als „traditionell hergestellt“.

Ältere werden sich noch an den fast täglichen Gang ins Milchgeschäft oder den Milchmann erinnern. Doch die Produkte, Handelsstrukturen und Konsum- und Lebensgewohnheiten haben sich deutlich geändert. Viele Verbraucher finden es einfach praktisch, wenn ihre Milch ohne merkliche Einbußen viel länger haltbar ist. Gleichzeitig trägt ESL-Milch natürlich zu einer „Entregionalisierung“ des Frischmilchmarktes bei. Wer heute traditionell hergestellte Milch im Supermarkt sucht, hat es inzwischen in vielen Gegenden nicht leicht.

An der Milch hängt viel Wirtschaft

So vertraut uns auch unser gutes Glas Milch ist, der Markt hat überhaupt nichts Beschauliches. Knapp 30 Millionen Tonnen Milch werden in Deutschland jährlich produziert. Die deutsche Milchindustrie erzielt einen Umsatz von insgesamt knapp 22 Milliarden Euro und ist damit die größte Lebensmittelbranche in Deutschland und in Europa. Rund 30.000 Arbeitnehmer sind in der milchverarbeitenden Industrie beschäftigt. (Quelle: Milchindustrie-Verband e.V.)

Fast die Hälfte der produzierten Milch geht in den Export und Deutschland liegt als Käse-Exporteur weltweit an der Spitze. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass sich deutscher Käse ausgerechnet in Russland größter Beliebtheit erfreut? Allerdings importieren wir auch knapp 10 Millionen Tonnen an Milchprodukten jährlich. Darunter auch Käse, denn vor allem die französische Käse-Kultur hat auch hier viele Anhänger. Ausländische Trinkmilch wird man dagegen eher nicht entdecken.

Bild ©: womue, Nick Freund, Fotolia.com

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3 Kommentare zu “Hintergrundreportage über die Milch Teil 3: Von Trinkmilch bis Mode

  1. Ich kaufe meine Milch ja am liebsten direckt beim Bauern. Da kann ich mich drauf verlassen das die Kühe den ganzen Sommer auf der Weide waren und das gute Allgäuer Gras gefressen haben. Ich denke einfach das die Milch da noch alle Inhaltsstoffe hatt und am gesündesten ist, aber vor allem schmeckt diese am besten.

    Das blöde ist nur das ich jeden 2. Tag 30 km fahren muß um die Milch zu holen.

    Soviel ich weiß kann man niergends in Kempten bzw. in anderen Städten unbehandelte Milch kaufen, die dazu auch noch von Kühen kommt, die nicht ihr Leben lang im stall eingefercht sind.

    Daher meine Frage warum ist das so und was kann man tuen um das zu ändern?

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    1. Noch ein kleiner Nachtrag,

      Die Bauern jammern immer das die Molkerrei so wenig für die Milch zahlt, dabei würde jeder Stadtbewohner deutlich mehr als die 43 c / l für frische Biomilch zahlen, wenn er sie in der Nähe kaufen könnte.

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  2. Ich habe auch einige Bekannte die von der ESL Milch abgeneigt sind und lieber die Milch kaufen die nur 3 Tage haltbar ist. So ganz nachvollziehbar finde ich das nicht. Denn so groß ist der Unterschied zwischen der Standard Frischmilch und der ESL Milch ja anscheinend nicht.

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