Hintergrundreportage über die Milch Teil 4: Kennen Sie noch Maroditis?

Leckeres Quarkgericht

Kennen Sie noch den Slogan „Milch ist gut gegen Maroditis“? Der Kabarettist Wolfgang Gruner warb mit dieser heiteren Nonsens-Aussage für die gesundheitsfördernden Eigenschaften der Milch. Noch vor nicht allzu langer Zeit war Milch über jeden Zweifel erhaben, ein Lebensmittel, dem man mit einer Art Urvertrauen begegnete. Die Gewissheit, dass Milch gut und wichtig ist, schienen wir, wie man sagt, mit der Muttermilch aufgesogen zu haben.

Milch besteht zu fast 90 Prozent aus Wasser. Ansonsten enthält sie Eiweiß, Fett, Zucker und Mineralstoffe wie Kalzium und Phosphor. Dazu kommen noch andere Mineralstoffe wie Magnesium und Jod sowie mehrere Vitamine, beispielsweise Vitamin A und Vitamine der B-Gruppe. Es ist also viel geboten in der Milch.

Milch für jedes Lebensalter

Jeder Mann in Deutschland nimmt im Durchschnitt täglich etwa 250g Milch und Milcherzeugnisse zu sich, bei den Frauen sind es knapp 230g (Quelle: Max Rubner-Institut, Nationale Verzehrsstudie II). Die Beliebtheit von Milch ist, anders als bei Brot oder Kartoffeln, seit Jahrzehnten nahezu ungebrochen.

Kinder sollen Milch trinken, denn sie enthält viel Kalzium für Aufbau und Stabilität von Knochen und Zähnen. Gleichzeitig gilt sie als wahrer Energy-Drink. Die Versorgung mit „Schulmilch“ wird sogar von der EU gefördert und hat eine lange Tradition.

Doch auch beim Erwachsenen stand Milch immer für Gesundheit, Fitness und Wohlbefinden. So kann fettarme Milch möglicherweise das Schlaganfallrisiko senken, ihr Kalzium trage Studien zufolge dazu bei, vor Darmkrebs zu schützen und manche Forscher meinen, „wer Milch trinkt, baut Muskeln auf und Fett ab“ (Quelle: Stiftung Warentest). Ältere Menschen schließlich sollen bei der Ernährung auf genügend Milchprodukte achten, um Osteoporose vorzubeugen.

Die Milch wird entzaubert

Seit einigen Jahren werden immer wieder Stimmen laut, die der Vorstellung von der rundum gesunden Milch widersprechen. Dabei ist nicht davon die Rede, dass in Deutschland etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen eine genetisch bedingte Unverträglichkeit des Milchzuckers entwickeln. Vielmehr heißt es zum Beispiel, dass ein erhöhter Milchkonsum das Risiko für Arteriosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes steigere sowie verschiedene Krebsarten fördere. Es werden unter anderem Studien zitiert, die nahelegen, zu viel Milchprodukte könnten Prostatakrebs begünstigen.

Wenn es hingegen um die Osteoporose-Vorbeugung geht, wenden Kritiker ein, dass ausgerechnet in Ländern wie China oder Japan, wo traditionell kaum Milch getrunken wird, die Krankheit weit weniger verbreitet ist. Der Kalziumbedarf wird dort allerdings anders gedeckt und der Vergleich völlig unterschiedlicher Lebenssituationen ist ohnehin zweifelhaft. Besonders im Internet findet man auch immer wieder Hinweise auf eine „Verschleimung“ des Magens, die Folge des Milchkonsums sei. Allerdings ist diese Erscheinung bisher ebenso wenig nachweisbar, wie die legendären „Schlacken“. Bisweilen scheint es, als wolle man nun doch die „Maroditis“ entdecken.

Prof. Dr. Bodo C. Melnik gehört zu den profiliertesten Zweiflern an der Milch. Erhöhter Konsum von Milchprodukten kann seiner Überzeugung nach gleich zu einer ganzen Reihe von Schäden führen. Nach Medienberichten verzichtet er selbst sogar weitgehend auf das Käsehäppchen zum Rotwein („Neue Osnabrücker Zeitung“). Vieles mag uns noch seltsam und wirr erscheinen, aber das glanzvolle Image der Milch hat – zu Recht oder nicht – schon ein paar Kratzer abbekommen. Vor dem Hintergrund, dass der tierische Anteil unserer Nahrung insgesamt als zu hoch eingeschätzt wird, werden wir über kurz oder lang zumindest zu einer Neubewertung der Milch gelangen. Ein wertvolles Lebensmittel wird sie aber bleiben.

Viele Pluspunkte für Milchprodukte

Die Debatte um die Milch führte bislang kaum zu eindeutigen Aussagen und zu jeder wissenschaftlichen Studie gibt es mindestens zwei Gegenstudien. Hinzu kommt, dass bei dem Thema auch wirtschaftliche Interessen eine ganz wichtige Rolle spielen. Der Verbraucher fühlt sich dabei oft an den sarkastischen Hinweis erinnert, man solle keiner Statistik glauben, die man nicht selbst gefälscht habe. Vor allem hat die Milch viele Fans, die auf die Liste von Pluspunkten verweisen. In der Regel sind Milchprodukte gut verdaulich und versorgen uns bequem und unkompliziert mit Energie und wichtigen Nährstoffen. Schon das einfache Gericht „Kartoffeln mit Quark“ ist unter diesen Gesichtspunkten kaum zu toppen. Und ein weiterer Punkt ist wichtig: Essen soll auch Spaß machen, denn auch Genuss und Zufriedenheit sind Voraussetzung für eine gesunde Ernährung. Wie wäre es also mit einem kühlen Glas Milch, einem erfrischenden Joghurt oder etwas mild-nussigem Käse?

Bilder: © Gina Sanders, Carmen Steiner – Fotolia.com

 

 

 

 

Hintergrundreportage über die Milch Teil 1: Zwischen Leistungsdruck und Wohlergehen

Hintergrundreportage über die Milch Teil 2: Mit dem Shuttle zur Molkerei

Hintergrundreportage über die Milch Teil 3: Von Trinkmilch bis Mode

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